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Der Von-Meck-Palast in Brailow, Kategorie: history
Kategorie: history
erstellt: 2019-05-02 von: wesermaus

Während eines mehrtätigen Ukraine-Aufenthaltes im April führte mich mein Weg in das Städtchen Brailow, ukrainisch Brajiliv, bei Winnytzja, wo ich in einer Privatunterkunft wohnte. Von Winnytzja aus ist Brailow in einer guten halben Stunde mit der „Marschrutka“ zu erreichen. Viel konnte ich über das 5000-Seelen-Städtchen vor meiner Abreise nicht in Erfahrung bringen, es ist ein Provinznest wie tausend andere in den Weiten Osteuropas. Da ich ein großer Fan klassischer Musik bin, ist Brailow für mich ein ganz besonderer Ort: Im Sommer 1881 nämlich weilte hier der von mir verehrte französische Komponist Claude Debussy auf dem Landsitz der superreichen Nadeshda Filaretowna von Meck. Die Industriellenwitwe liebte die Musik und pflegte alljährlich ein Ensemble exzellenter Solisten für Kammermusik zusammenzustellen, um dann in den Sommermonaten private Konzerte in häuslicher Atmosphäre erleben zu können. Über Jahre hinweg pflegte Frau von Meck zudem eine sehr intime Briefkorrespondenz mit Peter Tschaikowsky, den sie auch finanziell förderte. Zuvor versprachen sich beide gegenseitig, sich nie persönlich treffen zu wollen. In ihren Briefen sprachen sie über Musik, aber auch über sehr persönliche private Themen. Tschaikowsky weilte nur dann als Gast in Brailow, wenn seine reiche Mäzenin abwesend war.

Frau von Meck muss eine recht kapriziöse Dame gewesen sein. Wenn sie nicht mit dem Nachlass ihres Mannes Karl von Meck beschäftigt war, der mehrere private Eisenbahnlinien gründete und betrieb, bereiste sie die exklusivsten Orte Europas: Venedig, Interlaken, Südfrankreich, Wien, wo sie entweder in ihren eigenen Palästen residierte oder in Luxushotels verweilte, oft mehrere Wochen lang. Aber nie allein. Ein ganzer Hofstaat von Dienstboten, Köchen und Kammerzofen waren immer mit von der Partie und organisierten ihre aufwendigen Tourneen durch Europa. Und eben auch eine Handvoll junger Musiker, die sie mit ihrer Spielkunst bei Laune hielten. Dem Vernehmen nach saß sie während der privaten Konzerte immer im Nachbarzimmer und den Solisten nie von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Auf ihren Reisen begleitete sie auch ihre Tochter Sofia, genannt Sonja (Frau von Meck hatte 18 Kinder). Im Sommer 1881 auf dem Landsitz im ukrainischen Brailow war es nicht nur Debussys Aufgabe, Konzerte zu geben. Nebenher erteilte er auch noch Sonja Klavierunterricht, wobei Sonja gleichzeitig ihre Französischkenntnisse aufbessern sollte. Der 19-jährige Pianist und die fünf Jahre jüngere Industriellentochter verliebten sich ineinander und schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Debussy wollte „Russe werden“ und irgendwann mit Sonja nach Moskau ziehen, wo die Familie einen 52-Zimmer-Palast am Roshdjestwenskij-Boulevard besaß. In den Wintermonaten in Paris lernte er eifrig die russische Sprache. Zum Sommer 1882 forderte Nadeshda von Meck Debussy erneut als Pianisten an, diesmal in ebendiesen Moskauer Palast. Allerdings durfte er sich Sonja in diesem Jahr nicht so zwanglos nähern, da sie ihr Schweizer Deutschlehrer zuvor ziemlich zwanglos umgarnt hatte, mit ernsthaften Heiratsabsichten, was ihn letztlich den Job kostete. Wer ihr den Hof machen durfte, das wollte Frau von Meck schon selbst bestimmen, und da kamen nur standesgemäße Herren aus dem Hochadel oder Geldleute in Frage. Debussy und Sonja waren in Moskau also gezwungen, sich heimlich zu treffen, was nicht ganz einfach war. Verzweifelt versuchten sie, einen Ausweg zu finden, um zusammenbleiben zu können und die despotische Mutter irgendwie dafür zu gewinnen. Später brachen sie alle nach Wien auf, wo Debussy seinen ganzen Mut zusammennahm, um bei Frau Meck offiziell um die Hand ihrer Tochter anzuhalten. Die Dame soll daraufhin in lautes Gelächter ausgebrochen sein, und der gekränkte Musiker reiste umgehend enttäuscht nach Paris zurück.

Erst 31 Jahre später, auf einer Konzertreise durch Russland im Jahr 1913, traf er Sonja in Moskau wieder. Inzwischen war sie bereits das zweite Mal geschieden. Zuerst heiratete sie auf Geheiß ihrer Mutter einen entfernten Verwandten des Komponisten Rimskij-Korssakow, später den Fürsten Golizin. Nach ihren gescheiterten Ehen widmete sie sich vollends der Politik und wurde eine der wenigen russischen Frauenrechtlerinnen.

In Brailow erinnert noch so manches an diese Zeit. Der Palast der von Mecks wurde nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder hergerichtet. Heute ist dort ein Gymnasium untergebracht, es ist in einem außerordentlich guten baulichen Zustand. Es gibt eine kleine Ausstellung, die vor allem Tschaikowsky und Frau von Meck gewidmet ist. In der Parkanlage mit den Kaskaden hinter dem Palast bekommt man noch heute eine Ahnung von Debussys und Sonjas liebenswerter Sommerepisode 1881. Es war seltsam für mich, an diesem Ort zu sein, an dem ich außer einem Gärtner kaum Menschen traf an diesem Frühlingsvormittag. Ich habe mit dieser ganzen Geschichte gar nichts zu tun, trotzdem hat sie mich aus welchem Grund auch immer beschäftigt und ich komme irgendwie nicht los davon.

Aber egal, Brailow ist ein Ort, den ich mir gut vorstellen kann als Treffpunkt von Musikern aus aller Welt, die zusammen musizieren möchten. Tschaikowsky, Debussy, Sonja und ihre gestrenge aber charismatische Mama wären davon bestimmt sehr angetan.

Kommentare
2019-05-05 00:14
Ich hatte den biografischen Roman "Clair de lune" über Debussy von Pierre la Mure, einem französisch-amerikanischen Schriftsteller gelesen, der 1963 erschienen war. La Mure hat auch noch andere Biografien geschrieben, u.a. über den Pariser Maler Toulouse-Lautrec. Dem Kapitel Brailow widmet er einen recht langen Abschnitt. Klar, was das zwischen Debussy und Sonja angeht, da mag ein wenig dichterische Freiheit eine Rolle spielen. Nichtsdestoweniger: Debussy weilte in Brailow 1881 einen ganzen Sommer lang und Tschaikowsky war häufiger dort zu Gast, fand dort Ruhe und Abgeschlossenheit. Es wäre schön, wenn die lokalen Behörden die Bedeutung dieses Ortes für die europäische Kultur erkennen würden und dort regelmäßig Konzerte stattfinden könnten. Wo, wenn nicht dort?
2019-05-04 23:08
Über Sofja Karlovna von Meck habe ich noch einiges auf https://www.geni.com/people/Sofia.../6000000011435210035 gefunden. Nur auf Russisch, aber es gibt ja gute Übersetzungsprogramme, falls man die Sprache nicht spricht. Sonja ist schon sehr früh – mit 17 Jahren – das erste Mal Mutter geworden. War eine sehr musikalische Person, konnte hervorragend Klavier spielen und war eine noch bessere Sängerin. Darüber hinaus sehr belesen, insbesondere spiritualistische Literatur interessierte sie. Über eine Liaison mit Debussy gibt es widersprüchliche Angaben. In diesem Text steht, es habe keine bedeutsame Beziehung zwischen ihr und dem Musiker gegeben, aber wer kann das nach 140 Jahren noch überprüfen? Aus welchen Quellen haben Sie Ihre Informationen? Den russischen Originaltext poste ich hier auch nochmal: Софья Карловна фон Мекк (Соня Сонечка) Родилась в 1867 году между братьями Александром и Максимилианом, в большом московском доме на Мясницкой, 44 (дом трех композиторов). Родители - Карл Федорович фон Мекк (остзейский немец) и мать Надежда Филаретовна (из Смоленской губернии). В детстве была энергичной, веселой девочкой, но также своевольной и вспыльчивой, как отмечалось в переписке Надежды Филаретовны с Петром Ильичом. С ранней юности любила читать философскую, спиритическую, мистическую литературу - от " Дракулы" Стокера, опубликованного в 1897 году, произведений французского писателя-мистика Э. Шюре, например “Les grands Inities” о Христе, Будде и других, до философии Владимира Соловьева, а потом и Дмитрия Мережковского. Также мемуары упоминают об увлечении йогой. Учителем музыки они был Клод Ашильд Дебюсси, выпускнику Парижской консерватории, который с июля 1880 2 года подряд приглашался Надеждой Филаретовной учителем своим детям. Семья фон Мекк в те годы постоянно путешествовала по Европе, учителя и прислуга следовали за ней, что пошло на пользу и Клоду Дебюсси, получившему возможность бывать в музыкальных столицах мира. Есть расхожая легенда о влюбленности Сони в Дебюсси, однако воспоминания потомков ен очень это поддерживают. Да и сама Соня, будучи взрослой не вспоминала о сколь нибудь значимых отношениях с тогда еще совсем юным французом - судя по вышеупомянутым интересам, она в те годы была более развитой, чем ровесники. Соня была весьма талантлива в музыке как в игре на фортепьяно - в 15 лет играла "Аппассианату" Бетховена, могла свободно исполнять в 4 руки симфонии и увертюры Чайковского, а также "Шехеразаду“, увертюры Сен-Санса, рапсодии Листа и другие трудные для исполнения произведения. Но одна она играла редко и больше любила петь. Соня брала уроки пения у известной петербургской певицы А. В. Панаевой-Карцовой, родственницы Чайковского. По воспоминаниям они пели дуэт „Далеко, далеко“ из „Джоконды“ Понкиелли. Помню дуэты „Рассвет“ Чайковского, „Распятие“ Фора, „Скоро, увы“ Мендельсона и др. Из ее сольного репертуара запомнилась „Свадьба“ Даргомыжского, ария Любаши („Садко“), романсы Чайковского, и из них „Отчего“. Про Дебюсси Соня Мекк категорически утверждала, что когда Дебюсси появился у них в последний раз, летом 1882 года, то все обратили внимание, и, очевидно, в первую очередь сама Мекк, на то, что он как музыкант стал более зрелым, более интересным и оригинальным. Об этом говорили в семье, и уже не в шутку стали предрекать ему большое будущее.
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